Techgarage

Auf einen Kaffee mit dem Europa-Chef von Huawei und seinem faltbaren Smartphone «Mate X»

by Pascal LandoltKevin Kyburz 8. März 2019

Völlig überraschend besuchte Walter Ji, Präsident der Consumer Business Group von Huawei in Westeuropa, am Freitag die Schweiz und hatte das kürzlich am MWC vorgestellte faltbare Smartphone «Huawei Mate X» mit im Gepäck.

Natürlich liess sich «Techgarage» nicht zweimal bitten und setzte sich zu Walter Ji an den Tisch, um das neue Klapp-Wunder einem ausführlichen Hands-on zu unterziehen und dem Europa-Chef ein paar Fragen zum Gerät und der Zukunft von Huawei zu stellen.

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Hands-on mit dem Mate X: Antworten auf wichtige Fragen

Wir geben zu: Nach den Präsentationen von Samsung und Huawei am MWC war unsere anfängliche Euphorie gegenüber faltbaren Smartphones noch etwas verhalten. Vor allem deren Alltagsnutzen und die Haltbarkeit des Displays beim ständigen Auf-und Zuklappen sorgte bei uns für mehr Fragen als Antworten.

Doch unsere 20 Minuten mit dem Mate X reichten bereits aus, um viele unserer Bedenken zu zerstreuen und zu merken, dass es durchaus Vorteile hat, ein Smartphone aufklappen zu können. Der Vorteil des Mate X ist, dass es sich im zusammengeklappten Modus wie ein normales Handy nutzen lässt, nach dem Aufklappen des Screens jedoch viel mehr Platz für Inhalte bietet: Sei das zum Videos schauen oder zum Surfen im Internet. Die «Techgarage»-Webseite sieht übrigens auf dem 8″-Display mit seinen dünnen Seitenrändern einfach grandios aus, wie man in unserem Hands-On-Video sehen kann.

Sinnvolle Design-Entscheidungen beim Mate X

Ausserordentlich gut gefällt uns beim Huawei Mate X zum Beispiel, dass es keine «Selfie-Cam» benötigt. Stattdessen werden Selfies mit der starken Hauptkamera mit drei Linsen gemacht, solange das Mate X zugeklappt ist. Durch den Rundum-Display hat man dabei den Bildausschnitt auch immer im Blick. Verschwommene Selfies wegen zweitklassiger Selfie-Kameralinsen gehören damit der Vergangenheit an.

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Vom Gewicht her liegt das Mate X etwas schwerer in der Hand als das Huawei Mate 20 Pro, was wohl am grösseren Akku liegt. In seinem Falt-Handy hat Huawei eine «dual Battery» verbaut, die eine Kapazität von 4’500 mAh aufweist.

Huawei Mate X Close Front

Wie klappt das mit dem Klappen?

Bei einem Handy mit Faltmechanismus fühlen sich viele an die Zeit von Motorola Razr zurückerinnert. Das Mate X aber faltet ganz anders: So ist der Bildschirm im zugeklappten Zustand mit einem Mechanismus arretiert. Das soll verhindern, dass sich das Gerät ungewollt aufklappt. Löst man die Arretierung per Tastendruck, schnappt der Bildschirm ein paar Zentimeter auf und lässt sich dann ohne grossen Kraftaufwand in seine flache Position beugen.

Da leiert und knarrt nichts: Der ganze Ablauf wirkt gut durchdacht und stabil. Und ja: Dort, wo der Bildschirm gebeugt wird, sieht man bei richtiger Lichteinstrahlung Reflexionen von ganz leichten Unebenheiten auf der Oberfläche. Diese sind aber nicht sichtbar, wenn das Gerät wie ein Tablet vor einem liegt und Inhalte darauf angezeigt werden. Der Screen selbst ist übrigens nicht aus Glas gefertigt, sondern fühlt sich beim Darüberstreifen ein Bisschen wie ein Tischset aus Plastik an. Aber durchaus nicht unangenehm.

Klappt offenbar ein Smartphone-Leben lang

Und auch langfristig soll das Gerät ein Auf- und Zuklappen des Screens mitmachen: Laut Huawei sei das Mate X für zwei bis drei Jahre im täglichen Einsatz konzipiert – der durchschnittlichen Einsatzdauer eines traditionellen Smartphones. Das würde bedeuten, dass rund 200’000 Klappmanöver erreicht werden müssten. In Labortests seien es sogar bedeutend mehr gewesen, erklärt ein Huawei-Mitarbeiter.

Bei so vielen Eindrücken mit dieser gänzlich neuen Kategorie von Smartphones haben wir natürlich auch Fragen. Fragen, die wir dem Europa-Chef von Huawei gleich persönlich stellen dürfen. Dann mal los:

Interview mit Walter Ji: Eine Überraschung zum Schluss

Walter Ji President of Consumer Business Group Huawei Western Europe

Techgarage: Herr Ji – Huawei faltet seinen Bildschirm im Mate X nach aussen, andere Hersteller bei ihren faltbaren Smartphones nach innen. Welches ist der richtige Weg, ein Smartphone zu falten?

Walter Ji: Wir bei Huawei sind überzeugt, dass das Mate X der richtige Weg ist, ein Smartphone zu falten. Sehen Sie: Wenn ich den Bildschirm nach aussen falte, kann ich das Handy auch im zugeklappten Zustand nutzen wie ein normales Smartphone. Dazu brauche ich keinen zusätzlichen Aussen-Screen, der zusätzlich an Komplexität und Gewicht aufträgt. Mit nur einem Bildschirm, den ich bei Bedarf ausklappen kann, bleibt unser Gerät schön dünn.

TG: Dünn ist es, aber der Faltmechanismus sieht komplex aus – und vielleicht auch Störungsanfällig?

WJ: An unserem «Falcon Wing»-Klappmechanismus haben unsere Ingenieure drei Jahre gearbeitet. Auf dieses Resultat sind wir nicht von heute auf morgen gekommen. Das Mate X ist aber ein Konsumentenprodukt, kein Prototyp. Wir wissen deshalb bereits, dass es den Belastungen im Alltag gewachsen ist – das haben wir auch ausgiebig getestet. Sonst würden wir es nicht lancieren.

TG: Was ist der Vorteil eines faltbaren Bildschirms?

WJ: Er ermöglicht es, dem Nutzer mehr Information darzustellen – und das eröffnet dem Smartphone neue Einsatzgebiete. Wir haben mit dem Mate X praktisch den selben Formfaktor wie bei einem konventionellen Modell und können bei Bedarf ein Tablet mit acht Zoll Bilddiagonale daraus machen. Plötzlich kann man sein Handy auch als Notizblock nutzen oder sein Skript für eine Präsentation darauf aufzeigen.

TG: Werden künftig alle Smartphones zu «Foldables» – also faltbar sein?

WJ: Ich kann mir vorstellen, dass in etwa drei bis fünf Jahren die Flaggschiff-Modelle aller Hersteller einen faltbaren Bildschirm aufweisen werden. Das schliesst auch die Hersteller mit ein, die bisher noch kein «Foldable»-Modell gezeigt haben.

TG: In drei bis fünf Jahren? Starren wir dann noch immer auf ein Smartphone-Display?

WJ: Möglich, aber vielleicht nicht exklusiv. Wir bei Huawei glauben gerade an drei grosse Trends, die unsere Technologie prägen: Das eine ist der kommende 5G-Mobilfunkstandard, der mit seiner Vernetzung der Geräte viele neue Möglichkeiten eröffnen wird. Das zweite ist die Einbindung von künstlicher Intelligenz in unsere Geräte. Und der dritte Trend sind faltbare Displays.

TG: Und was ist beispielsweise mit AR-Brillen wie Google Glass oder Microsofts Hololens? Bewegen wir uns nicht weg von einem Display in unserer Hand?

WJ: Sie haben Recht – es gibt natürlich andere Wege, wie wir Konnektivität und KI ins Leben unserer Nutzer bringen können. Es gibt ja wie mit Google Glass durchwegs auch andere Möglichkeiten, Informationen darzustellen. Hier wird Huawei auch bald schon ein neues Produkt vorstellen.

TG: Sie reden von einem Produkt in einer neuen Kategorie?

WJ: Huawei hat ja bereits ein grosses Produkt-Lineup: Smartphones, Laptops, Tablets, Smartwatches.

TG: Das hier wird etwas neues? Etwas, was wir noch nicht gesehen haben?

WJ: Es wird ein neues Produkt sein.

TG: Und wann können wir diese Enthüllung erwarten?

WJ: Das wird noch im ersten Halbjahr 2019 passieren.

Und wie bei einer TV-Serie mit einem dramatischen Cliffhanger war genau hier unsere Interview-Zeit um. Es blieb uns nur noch kurz die Zeit, uns zu bedanken und ein paar Fotos mit dem neuen Huawei Mate X zu machen, das im Sommer 2019 auch hierzulande auf den Markt kommen soll.

Die Spekulationen beginnen: Was meint Walter Ji mit «einem neuen Produkt»?

Das hätten wir nun wirklich nicht erwartet: Da will man mit dem Chef von Huawei über ein Gerät sprechen, das noch nicht auf dem Markt erschienen ist und endet mit einem Hinweis auf ein anderes Gerät, das noch nicht mal angekündigt ist!

Nun wissen wir ja, dass die nächste Ankündigung von Huawei Ende März in Paris das «Huawei P30 Pro» beinhalten wird – ein Handy, mit dem Huawei durch einen Super-Zoom seine Kamera-Krone verteidigen könnte. Zudem haben wir auch schon eine ziemlich gute Idee, wie das P30 aussehen könnte.

Aber eine komplett neue Kategorie? Wie bereits erwähnt: In seiner «Consumer Electronics»-Branche stellt Huawei neben Smartphones, Tablets und Notebooks auch Smartwatches her. Wenn man an die Geräte denkt, die sich sonst noch tragen oder anclippen lassen, bieten sich da zum einen Brillen an, zum anderen wäre auch ein smarter Kopfhörer (à la «Her») mit integrierter KI denkbar.

Was meinen unsere Leser: Was kommt da noch von Huawei?

Was meinen unsere Leser? Wir freuen uns, eure Einschätzung zu hören. Kommentiert oder schreibt uns: Welche Gerätekategorie könnte Huawei als nächstes angehen? Seid mutig, seid verrückt – die besten Ideen werden von uns gesammelt, zusammengetragen und wer weiss – vielleicht können wir gar eine Zeichnung davon anfertigen lassen.

Huawei Mate X Side Front

Pascal Landolt

Pascal Landolt

Pascal ist Tech-Enthusiast und begeisterter Storyteller – und als Mitgründer und Redaktor von Techgarage kann er diese beiden Passionen miteinander verknüpfen. Er lebt in Zug, aber eigentlich nennt er die ganze Welt sein Zuhause.

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