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Brille auf, Alltag aus: Virtual Reality-Games in der «VR City» in Zürich – ein Erlebnisbericht

Geschrieben von Pascal Landolt 7. Dezember 2019

Mist. Ich stecke fest. Soeben ist die Brücke vor mir krachend in den Fluss gestürzt und neben mir blockieren ein paar schattenhafte Gestalten den Weg zum rettenden Tempel. Dabei spüre ich das drohende Erdbeben mit jeder Faser meines Körpers. Was nun? «Yo Chris» rufe ich zu einem der Schatten, «spring mal weiter!» Die Schattengestalt dreht sich um, nickt langsam und macht einen Satz nach vorne auf die nächste Säule.

Wir befinden uns etwa hundert Meter über einem reissenden Fluss, schwebend auf den Ruinen einer Azteken-Stadt. Zumindest glauben wir das. Unser Spielleiter hatte uns noch eingeschärft: «Egal, was passiert: Ihr steht noch immer auf einem weichen Teppichboden in Zürich. Vergesst das nicht.» Aber das nass-kalt regnerische Zürich wirkt sehr weit weg an diesem Abend, wo meine Kollegen und ich unsere «Virtual Reality»(VR)-Brillen aufsetzen und in die Welt der VR-Games eintauchen. Mutig mache ich den rettenden Sprung über den Abgrund, über drei Säulen balancierend hinein in den Tempel. Geschafft. Das Score-Board leuchtet auf und wir streifen unsere Brillen ab. «Noch eine Runde?»

VR City Zürich Experience Halle TechGarage
Die VR City ist grosszügig ausgelegt und bietet Spielern und Zuschauern viel Platz.

Klar – jederzeit gerne! Ich habe mich heute Abend mit ein paar Freunden für einen Game-Abend in der neu eröffneten «VR City» an der Baslerstrasse in Zürich-Altstetten angemeldet. Wobei Game-Abend ja nach Mario Kart, Tiefkühl-Pizza und öligen Controllern tönt. Das ist es nicht: Die «VR City» ist ein hochmoderner, grosszügig ausgebauter Event-Raum mitten im Industriegebiet. Unterteilt ist die VR City in zwei grosse Spielflächen, gleich daneben eine weitere, etwas kleinere Arena mit weiteren Games sowie einen einladenden Bar-Bereich, wo zu Loungemusik Cocktails und Snacks serviert werden.

VR-Gaming: Hardware und Ausrüstung

Ganz anders, als noch aus «Nintendo 64»-Zeiten bekannt, ist das «Co-Op»-Spielen, also das Gamen gemeinsam mit Kollegen. In der «VR City» streift man sich für das immersive Game-Erlebnis eine Brille des Typs «HTC Vive Pro» über – eine der leistungsfähigsten momentan auf dem Markt. Auf die Bildschirme in der Brille wird dann das Game-Geschehen projiziert. Um die Grafikpracht anzutreiben, benötigt es einen starken Computer, dieser wird in der Form eines Rucksacks von jedem Spieler selber getragen. Das Backpack mit austauschbarem Akku wird von Computerhersteller HP produziert, die verbaute Grafikkarte ist eine leistungsfähige Nvidia GeForce RTX 2080.

Seinen VR-Computer trägt jeder Spieler selber als High-Tech-Rucksack mit sich rum.

Darüber hinaus wird jeder Spieler mit Sensoren ausgestattet, die sich an den Handrücken und Fussknöcheln befestigen lassen. Dank dieser Sensoren erkennen die 28 Kameras, die rund um das Spielfeld platziert sind, jederzeit den Standort und die Bewegungen der bis zu zehn Spieler, die gleichzeitig ins Game eintauchen. Dies ermöglicht eine realistische Wiedergabe der Standorte und Bewegungen der Spieler im Game.

VR City Zürich Experience Sensoren TechGarage
Dank der Sensoren, die jeder Spieler an Händen, Füssen und am Kopf trägt, weiss die Simulation jederzeit, wo sich jemand befindet und wie sich der Spieler bewegt.

Die Game-Auswahl: Vom Action-Shooter bis hin zu Party-Spielen

Die Auswahl an Games, aus denen man für die beiden Haupt-Arenen auswählen kann, wird laufend ausgebaut. Auf diesen beiden grossen Spielflächen werden sogenannte «Ganzkörper VR Games» gespielt: Wie erwähnt mit VR-Brille und Bewegungssensoren an den Extremitäten. Die Spielfläche jeder Arena beträgt 10 mal 10 Meter, bei Bedarf können die beiden Arenen auch zusammengelegt werden. Und auch wenn 100 m2 nicht nach viel tönt: Durch ein cleveres Level-Design erscheint die Spielfläche grösser, als sie tatsächlich ist.

Wir beginnen unsere VR-Erfahrung mit dem Action-Shooter «Blackout», bei dem sich unser Fünfer-Team als «Squad» gemeinsam schleichend und ballernd durch die Levels kämpft. Als «Controller» erhalten wir Waffen-Replikas, die sich – ähnlich Softair-Guns – sehr realistisch anfühlen und sogar einen Rückstoss beim Feuern simuieren. Einziger Wermutstropfen: Das Zielen über Kimme und Korn wird durch die klobige VR-Brille sehr schwierig, besser zielt man mit dem «Red Dot»-Laser. Das Bücken, Schleichen, Ducken und Vorwärtskommen im Spiel ist definitiv mit körperlicher Anstrengung verbunden.

VR City Zürich Erfahrungsbericht Team TechGarage
Als Fünfer-«Squad» tauchen wir ein in die Welt des Action-Shooters «Blackout».

Übelkeit stellt sich allerdings bei niemandem in der Truppe ein, da die Bewegungssimulation durch die Brille verzögerungsfrei wiedergegeben wird. Trotzdem kommen wir während der gut zehnminütigen Gaming-Session etwas ins Schwitzen. Die Grafik ist in Ordnung, jedoch nicht auf dem aktuellen Stand der UHD-Games eines Gaming-PCs. Dies hängt mit der Auflösung der Brillen zusammen. Vergleichbar ist das grafische Erlebnis wohl am ehesten mit einem klassischen «Arcade Shooter»-Automaten.

VR City Zürich Erfahrungsbericht Scoreboard TechGarage
Ein «Scroreboard» zeigt an, wer im Game wie gut abgeschnitten hat. Dahinter die Bar, wo nach dem Spielen ein kühler Drink die heissen Köpfe erfrischt.

Nach unserem ersten VR-Game sind wir auf den Geschmack gekommen: Das Erlebnis saugt einen wortwörtlich ins Spiel und man taucht ein in ein anderes Universum. Umso mehr im nächsten Spiel, das sich «Polyfun» nennt. Hier tauschen wir die Gewehre gegen gewaltlose Puzzle-Spiele ein. Die Grafik ist bunt, die Dschungel-Umgebung der Aztekenwelt teleportiert uns in wärmere Gefilde. Wir hüpfen über Säulen, weichen fliegenden Früchten aus und lösen gemeinsam Puzzles. Auch hier: Glücklicher, sorgloser Multiplayer-Spass. Die Grafik weckt Erinnerungen an Games wie «Banjo-Kazooie» oder «Yooka-Laylee». Als «Getaway» für einen Freitagabend mit Freunden definitiv ein Ort zum länger verweilen. Auf dem YouTube-Channel von «VR City» gibt’s übrigens Trailer der verschiedenen Games:

«Teilkörper-VR» für den schnellen Spielspass

Technisch etwas weniger aufwändig, aber nicht weniger herausfordernd und unterhaltsam sind die «Teilkörper VR»-Games im vorderen Teil der «VR City»: Hier werden Hände und Kopf des Spielers getrackt, und über die speziellen Controller lässt sich mit der Umgebung interagieren. Gemeinsam mit zwei Kollegen probiere ich den Wildwest-Shooter «RevolVR Part 2» aus und kriege mich vor Lachen kaum mehr ein: Die digitalen Revolverduelle gegen Freunde könnte ich den ganzen Abend spielen.

VR City Zürich Erfahrungsbericht Kleine Arena TechGarage
Für die «Teilkörper VR»-Games ist eine umfassende Spielebibliothek vorhanden.

Leider reicht unsere gebuchte Zeit nicht ganz aus, um alle Titel durchzuspielen. Für dieses unbeschwerte VR-Erlebnis komme ich aber gerne zurück, denn die Spielebibliothek ist ziemlich umfasssend. Es ist bereits spät am Abend und ich möchte noch ein letztes Highlight ausprobieren: Die Bar.

An der Bar mit einem kühlen Drink die heissen Köpfe kühlen

Wer nicht den ganzen Abend mit einer Brille auf dem Kopf VR-Games spielen mag, kann sich an der gut sortierten Bar andersweitig vergnügen und die Spiele mit den Freunden nochmal Revue passieren lassen. Hier treffe ich auch Michael Köchler, den CEO von VR City. Er hat das Potenzial der VR-Arena früh erkannt und nun mit Unterstützung eines Game-Entwicklerstudios aus Moskau in die Schweiz gebracht. Ich will von ihm wissen, ob seine VR City nur ein Konzept ist oder hier ist, um zu bleiben.

VR City Zürich Erfahrungsbericht Bar TechGarage
Die Drinks an der Bar der «VR City» sind so solid wie das Game-Erlebnis.

«Ganz klar», sagt Köchler, sei VR-Gaming ein Trend, der im Ausland schon viel verbreiteter sei als in der Schweiz. Er sehe aber das Potenzial dieser Kooperations-Spiele auch als «Team-Building»-Massnahme, also in Form eines Firmenevents. Schliesslich schaffe man mit den Games ein gemeinsames Erfolgserlebnis. Und trotz der für Spieler erschwinglichen Preise, die bei 45.- pro Session beginnen, sei das VR-Erlebnis auch im teuren Zürich langfristig ausgelegt. «Es ist ein lukratives Feld», stellt der Wirtschafts-Profi und langjährige Unternehmer mit einem Lächeln fest.

Ich bestelle einen Negroni, der meisterhaft gemixt wird, danach geht’s wieder raus in die kalte Winternacht. Etwas wehmütig denke ich zurück an den «High Noon» im Wildwest-Shooter und die zerfallende Aztekenstadt in Polyfun mit ihren wippenden Palmen und dem gleissenden Sonnenlicht. Dabei fällt mir ein Zitat ein, das Goethe vor zweihundert Jahren seinem Charakter Faust in den Mund legte, und nun auch perfekt zur immersiven und sich rasant entwickelnden «Virtual-Reality»-Erfahrung passt:

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Pascal Landolt

Pascal Landolt

Pascal ist Tech-Enthusiast und schreibt leidenschaftlich gerne – und als Mitgründer und Redaktor von Techgarage kann er diese beiden Passionen miteinander verbinden. Er wohnt in Zug, aber eigentlich nennt er die ganze Welt sein Zuhause.

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